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Kann ein Christ wieder vom Glauben abfallen?
Eine komplementäre Sicht als Schlüssel zur Lösung des Problems
Von Dr. theol. Lothar Gassmann
Kaum ist man 10 Minuten im Gespräch mit anderen Christen, dann wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über zwei Fragen diskutiert: Wann ist die Entrückung? Und: Kann ein Christ wieder vom Glauben an Jesus Christus abfallen und verloren gehen – oder nicht?
Warum sind sich nicht alle Christen bezüglich der Antwort einig. Woran liegt das?
Nun, bezüglich der Entrückung kann man mit einem Satz des HERRN Jesus antworten: „Den Tag und die Stunde weiß niemand …“ (Matthäus 24,36). Wollen wir klüger sein als Gott und den Zeitpunkt der Wiederkunft von Jesus wissen?
Schwieriger ist es beim zweiten Thema, der Frage nach der Verlierbarkeit oder Unverlierbarkeit des Heils. Warum widersprechen Christen diesbezüglich einander, und dies nicht erst seit heute, sondern seit Jahrhunderten – seit es Lehrsysteme wie den Augustinismus, den Calvinismus und den Darbysmus, aber auch den Arminianismus gibt?!
Sie tun dies deshalb, weil Gottes Weisheit größer ist als unsere menschliche Weisheit!
Lasst es mich an einem Beispiel erklären: Was ist Licht? Es gibt verschiedene Theorien darüber. Vereinfacht gesagt, geht es um die Frage, ob das Licht aus Wellen oder Teilchen besteht. Geht man vom naturwissenschaftlichen Prinzip der Komplementarität (Ergänzung) aus, dann kann man antworten, dass sowohl die Wellen- als auch die Teilchen-Definition auf das Licht zutrifft. Es besteht aus Teilchen (Photonen), die sich wellenförmig als Strahlung ausbreiten.
Warum habe ich dieses Beispiel gewählt? Um die überragende Weisheit Gottes wenigstens ein wenig zu verstehen.
Betrachten wir jetzt der Frage der „Verlierbarkeit oder Unverlierbarkeit des Heils“, dann können wir es so beschreiben:
Von der Seite Gottes her gesehen, ist das Heil unverlierbar, denn es ist allein Gottes Werk. Es ist vollkommen durch Jesus Christus am Kreuz von Golgatha errungen. Gott schenkt das am Kreuz vollbrachte Heil demjenigen, der es im kindlichen Glauben annimmt.
Von der Seite des Menschen her gesehen, muss man mit der Schwachheit des Menschen rechnen, der in seinem Wesen schwankend ist und das Heil, das ihm angeboten und geschenkt wird, leider auch wieder ablehnen und verlieren kann. Er braucht deshalb Gottes Unterstützung, Ermutigung und Ermahnung.
Die leider oft heftigen Diskussionen zwischen Christen über diese Frage kommen daher, dass man nicht komplementär (ergänzend), sondern einseitig denkt: entweder nur von der Seite Gottes oder nur von der Seite des Menschen her. Die erste Sicht nähert sich dem sogenannten Calvinismus, die zweite dem sogenannten Arminianismus.
Von der komplementären Sicht her jedoch erklären sich die Bibelstellen, die zum Teil gegensätzlich scheinen, mit einem Schlag. Wir finden eben BEIDE Aussage-Linien in der Heiligen Schrift: die Souveränität (Allmacht) Gottes, der sein Heil anbietet und schenkt – und die Schwäche des Menschen, der deshalb immer wieder aufgerufen und ermahnt werden muss, in Christus zu bleiben, nicht schwankend zu werden und nicht abzufallen.
Die Bibel sagt es nämlich ganz klar, und ich werde es ausführlich durch Bibelzitate belegen: Es gibt keine unwiderstehliche Gnade Gottes, sondern der Mensch muss sich für Christus entscheiden und ihm konsequent nachfolgen.
In diesem Vortrag möchte ich zunächst die wichtigsten Bibelstellen für die erste Linie und dann die wichtigsten Bibelstellen für die zweite Linie zitieren, kurz erklären und dann zu einem biblisch fundierten Ergebnis kommen.

1. Wichtige Bibelstellen für die Allmacht und Gnadenwahl Gottes
Johannes 10,27-29: Jesus Christus spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus meiner Hand reißen“.
Der HERR Jesus sagt hier den wirklich gläubigen und wiedergeborenen Christen (seinen „Schafen) zu, dass „niemand“ sie aus Seiner Hand reißen kann. Wir brauchen also keine Angst zu haben, wenn Feinde von außen uns bedrohen – der HERR wird uns bewahren. Es wird hier allerdings nichts über die Anfechtungen und Sünden im Inneren des Christen selber gesagt - ob er schwach, schwankend oder ungläubig werden kann.
1. Petrus 1,3-7: „Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgrund seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel aufbewahrt wird für uns, die wir in der Kraft Gottes bewahrt werden durch den Glauben zu dem Heil, das bereit ist, geoffenbart zu werden in der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch jubelnd freuen, die ihr jetzt eine kurze Zeit, wenn es sein muss, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit die Bewährung eures Glaubens, der viel kostbarer ist als das vergängliche Gold, das doch durchs Feuer erprobt wird, Lob, Ehre und Herrlichkeit zur Folge habe bei der Offenbarung Jesu Christi.“
Hier wird vom Erbe der Wiedergeborenen im Himmel gesprochen und von der Bewahrung zum Heil, die Gott schenkt. Zugleich werden aber die Anfechtungen der Geretteten nicht verschwiegen und die notwendige Bewährung des Glaubens erwähnt. Wir finden hier also beides: Bewahrung von Seiten Gottes – und Bewährung von Seiten des Menschen! Dies ist das Prinzip der Komplementarität: kein Widerspruch, sondern Ergänzung! Vertreter der Unverlierbarkeit zitieren gern die erste Hälfte und lassen die zweite weg. Sie betonen nur den göttlichen Aspekt, ohne die Entscheidung und Verantwortung des Menschen ernst zu nehmen. So darf man aber mit dem Wort Gottes nicht umgehen. Man muss beide Aspekte ernstnehmen.
Römer 8,28-30: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht.“
Hier scheint von einer Vorherbestimmung der Erwählten zum ewigen Heil die Rede zu sein. Man muss aber beachten, dass an erster Stelle das Vorauswissen Gottes steht: „die er zuvor ersehen hat“. Da Gott ewig ist, weiß er die Zukunft. Er weiß im Voraus, wer sich bekehren wird und wer nicht. Nur aufgrund des Vorauswissens Gottes erfolgt die Vorherbestimmung. Die Bekehrung aber muss der Mensch selbst in eigener Verantwortung vollziehen.
Wäre der Mensch nur eine Marionette, dann wäre Gott schuld, wenn Menschen in die Hölle kommen – und das ist unmöglich. Gott will ja, „dass alle Menschen gerettet werden“ (1. Timotheus 2,4) und hat „die Welt in Christus versöhnt mit sich selber“ (2. Korinther 5,19). Zugleich lässt er aber ausrufen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Korinther 5,20). Das heißt: Keiner wird zur Rettung gezwungen - und keiner ist automatisch erwählt oder verworfen. Jeder muss eine Entscheidung treffen.
Prof. Erich Mauerhofer erklärt in seinem Aufsatz „Kann ein Christ das Heil verlieren?“ (Der schmale Weg Nr. 3/2023, S. 11-30) das Prinzip des Vorauswissens Gottes in Form einer Schautafel (a.a.O., S. 13):
Eph 1
Röm 8
andere
Der göttliche Vorsatz und Heilswille (Heilsplan) "vor Grundlegung der Welt"
V. 3-4
V. 28b
1.Petr 1,20
Das Vorherwissen (praescientia) und Vorher-Erkennen Gottes
---
V. 29a
Ps 139,16
Die Vorherbestimmung (praedestinatio)
V.5.11
V. 29b, 30
---
Die Selbstoffenbarung Gottes in Jesu Christus "in der Fülle der Zeiten" und der Heilsvollzug
V.7
V. 32
Gal 4,4.5
Joh 14,9
Die Mitteilung des göttlichen Willens
V.9
---
1.Tim 2,4
1.Thess 4,3
u.a.m.
Was ist nun aber mit den Stellen im Römerbrief, die für die souveräne Gnadenwahl durch Gott angeführt werden? Hören wir genau hin:
Römer 8,31-39: „Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer will gegen die Auserwählten Gottes Klage erheben? Gott ist es doch, der rechtfertigt! Wer will verurteilen? Christus ist es doch, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der auch zur Rechten Gottes ist, der auch für uns eintritt! Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet!“. Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“.
Das bedeutet: Wir müssen vor bösen Mächten in dieser Welt keine Angst haben. Wir dürfen Heilsgewissheit besitzen. Christus tritt für uns ein. Unter den Mächten, die uns von Christus trennen könnten, wird allerdings die Sünde im eigenen menschlichen Herzen nicht genannt. Die Möglichkeit, vom Glauben abzufallen, bleibt bestehen.
Römer 9,11-23: „… als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten – damit der gemäß der Auserwählung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden –, wurde zu ihr gesagt: „Der Ältere wird dem Jüngeren dienen“, wie auch geschrieben steht: „Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst“. Was wollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! Denn zu Mose spricht er: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich“. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Eben dazu habe ich dich aufstehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise, und dass mein Name verkündigt, werde auf der ganzen Erde“. So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will. Nun wirst du mich fragen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen? Wenn nun aber Gott, da er seinen Zorn erweisen und seine Macht offenbar machen wollte, mit großer Langmut die Gefäße des Zorns getragen hat, die zum Verderben zugerichtet sind, damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit erzeige, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat?“
Auch hier gilt: Gott weiß die Entscheidung des Menschen für oder gegen Sein Gnadenangebot im Voraus (Römer 8,29) – und dementsprechend erwählt oder verwirft Er den Menschen. Dass die Erwählung und Verstockung durch Gott nicht willkürlich sind, zeigt gerade das Beispiel des Pharao: Dieser hatte sich zuerst fünfmal selbst verstockt (2. Mose 7,13; 8,11.28) – und erst daraufhin verstockte Gott Pharaos Herz völlig (2. Mose 9,12.35; 10,20).
Halten wir fest: Derjenige Mensch ist zum Heil erwählt und vorherbestimmt, von dem Gott vorausweiß, dass er das in Christus erworbene Heil im Glauben für sich annehmen und bewahren wird. Das schließt die Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit des Menschen nicht aus, sondern ein, denn der Mensch ist nicht als Marionette, sondern als Ebenbild Gottes mit der Möglichkeit eigener Willensentscheidung geschaffen (1. Mose 1,27). Er ist zwar darauf angewiesen, dass Gott ihn „zieht“, aber auf dieses Ziehen muss er durch Umkehr oder Ablehnung antworten.
So gilt einerseits – von der Seite Gottes her:
Johannes 6,44: Jesus spricht: Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn der Vater zieht, der mich gesandt hat.“
Aber zugleich, gemäß dem Prinzip der Komplementarität (Ergänzung) von der Seite des Menschen her:
Josua 24,15: „Wenn es euch aber nicht gefällt, dem HERRN zu dienen, so erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stromes gedient haben, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen!“
Matthäus 23,37: Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt!“
2. Timotheus 4,7: Der Apostel Paulus schreibt: Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt.“
Damit gelangen wir zum 2. Teil…



2. Wichtige Bibelstellen für die Schwachheit und notwendige Wachsamkeit des Menschen
2. Petrus 1, 10: „Darum, liebe Brüder, befleißiget euch, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln.“
Gott beruft und erwählt zwar, aber der Mensch muss diese Berufung festmachen.
Johannes 15,1-11: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; jede aber, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir, und ich [bleibe] in euch! Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; und solche sammelt man und wirft sie ins Feuer, und sie brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch zuteilwerden. Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet. Gleichwie mich der Vater liebt, so liebe ich euch; bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, gleichwie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe geblieben bin. Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude völlig werde.“
Wer am Weinstock Jesus war, war fest mit ihm verbunden. Er war also sein Kind. Jesus ruft dazu auf, an ihm zu bleiben, und weist auf die schreckliche Möglichkeit hin, dass man „nicht in ihm bleibt“, also abfällt.
Im Griechischen stehen zwei Begriffe für „Abfallen“:
„Apostasia“ bedeutet: Abfall, Trennung – also: Abkehr vom rettenden Glauben
„Parapitein“ bedeutet: abfallen, vom richtigen Weg abkommen – also: den schmalen Weg Jesu verlassen.
Die Bibel warnt an vielen Stellen sehr deutlich davor, vom rettenden Glauben wieder abzufallen:
5. Mose 11,16: „Hütet euch aber, dass sich euer Herz nicht betören lasse, dass ihr abfallt und dient anderen Göttern und betet sie an.“
Josua 22,16: „So lässt euch sagen die ganze Gemeinde des HERRN: Wie versündigt ihr euch an dem Gott Israels, dass ihr euch heute abkehrt von dem HERRN und dass ihr euch einen Altar baut und von dem HERRN abfallt?“
Immer wieder ist Gottes Bundesvolk Israel vom wahren Gott abgefallen und hat Götzendienst betrieben.
Mehrfach ist in der Bibel von Bundesschlüssen zwischen Gott und Menschen die Rede. Diese sind an Bedingungen („wenn … dann“) geknüpft, zum Beispiel beim Bundesschluss am Berg Sinai:
2. Mose 19,5: Gott spricht: „Wenn ihr meiner Stimme gehorcht und meinen Bund haltet, dann sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.“
So wie Gottes Volk den Bund Gottes immer wieder gebrochen hat, so hat auch der Christ die Möglichkeit, den Bund mit Gott aufzukündigen. Damit er dies nicht tut, braucht er immer wieder die Erinnerung an Gottes Macht und Güte sowie die Ermahnung, im Glauben festzubleiben. Die Bibel ist sowohl im Alten als auch im Neuen Testament voll von solchen Erinnerungen und Ermahnungen.
Hier weitere Beispiele:
Kolosser 1,21-23: „Auch euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in den bösen Werken, hat er jetzt versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und tadellos und unverklagbar darzustellen vor seinem Angesicht, wenn ihr nämlich im Glauben gegründet und fest bleibt und euch nicht abbringen lasst von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, das verkündigt worden ist in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist, und dessen Diener ich, Paulus, geworden bin.“
Hier handelt es sich eindeutig um mit Gott versöhnte Heilige. Sie müssen fest im Glauben bleiben, damit sie nicht von der Hoffnung des Evangeliums abgebracht werden. Ebenso hier:
Hebräer 3,12-14: „Habt acht, ihr Brüder, dass nicht in einem von euch ein böses, ungläubiges Herz sei, das im Begriff ist, von dem lebendigen Gott abzufallen! Ermahnt einander vielmehr jeden Tag, solange es »Heute« heißt, damit nicht jemand unter euch verstockt wird durch den Betrug der Sünde! Denn wir haben Anteil an Christus bekommen, wenn wir die anfängliche Zuversicht bis ans Ende standhaft festhalten.“
Römer 11,22: „So sieh nun die Güte und die Strenge Gottes; die Strenge gegen die, welche gefallen sind; die Güte aber gegen dich, sofern du bei der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden!“
Vor den schrecklichen Folgen des Abfallens warnt auch der Apostel Petrus:
2. Petrus 2, 20-22: Denn wenn sie durch die Erkenntnis des HERRN und Retters Jesus Christus den Befleckungen der Welt entflohen sind, aber wieder darin verstrickt und überwunden werden, so ist der letzte Zustand für sie schlimmer als der erste. Denn es wäre für sie besser, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nie erkannt hätten, als dass sie, nachdem sie ihn erkannt haben, wieder umkehren, hinweg von dem ihnen überlieferten heiligen Gebot. Doch es ist ihnen ergangen nach dem wahren Sprichwort: ´Der Hund kehrt wieder um zu dem, was er erbrochen hat, und die gewaschene Sau zum Wälzen im Schlamm`."
Auch hier wird von einem Gotteskind ausgegangen, welches nach seiner Erkenntnis Gottes wieder auf den Weg der Sünde umgekehrt ist.
Weitere Warnungen vor dem Abfall vom rettenden Glauben:
Matthäus 18,6: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an Mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“
Mit den „Kleinen“ sind echte Jünger gemeint, die an Jesus glauben. Hier wird davor gewarnt, sie zu verführen und zum Abfall zu bewegen. Es gibt also die Möglichkeit des Abfallens.
Matthäus 24,10: „Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.“
1. Timotheus 4,1:Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden, und verführerischen Geistern und teuflischen Lehren anhängen.“
Hier ist von der endzeitlichen Situation die Rede, dass viele vom Glauben abfallen, in dem sie einst gewandelt sind. Das erleben wir heute in vielen christlichen Kreisen vor unseren Augen.
Hebräer 3,12-14:Seht zu, liebe Brüder, dass keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt von dem lebendigen Gott; sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es ´heute` heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt, werde durch den Betrug der Sünde. Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende festhalten.“
Das Abfallen-Können vom rettenden Glauben ist eine sehr ernste Tatsache. Gegen die Gefahr des Abfallens steht der Ruf, am HERRN festzuhalten.
Natürlich kann man im Nachhinein sagen: „Ein Mensch, der in Sünde lebt und abfällt, der war nie im biblischen Sinne wiedergeboren.“ Aber wer kann ins Herz schauen und dies beurteilen? Letztlich dreht sich diese Argumentation im Kreis.
Fest steht also grundsätzlich: Es gibt eine Heilsgewissheit und wir brauchen nicht ununterbrochen um unser Heil zu bangen. Jedoch vermögen wir im Sinne einer billigen Gnade aus der Bibel nicht zu zeigen, dass uns nichts mehr passieren kann, ganz unerheblich, wie der Lebenswandel sich gestaltet. Es ist ein Beruhigungsmittel, wenn man sich auf seiner Bekehrung „ausruht“. Davor warnt uns die Heilige Schrift ausdrücklich.
So lesen wir auch in Hebräer 10, 26+27: Denn so wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fernerhin kein anderes Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widersacher verzehren wird.“
Dieses Wort Gottes beschreibt es ja anfangs: Wir haben die Erkenntnis der Wahrheit empfangen. Also bezieht sich diese Aussage - so sehe ich es - auf ein Kind Gottes.
Ebenso Hebräer 6,4-6: Denn es ist unmöglich, die, welche einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes geschmeckt haben, dazu die Kräfte der zukünftigen Weltzeit, und die dann abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie für sich selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und zum Gespött machen!“
Hier handelt es sich eindeutig um Kinder Gottes, denn sie waren erleuchtet und haben das Wort Gottes geschmeckt. (Letzteres wird in manchen Kreisen etwas mühsam umgedeutet im Sinne dessen, dass es nur ein „Schmecken“ war und sich nicht auf ein aufrichtiges, ernsthaftes Christenleben bezog. Aber das gleiche Wort „schmecken“ wird in Hebräer 2,9 auf Christus angewandt, der den „Tod geschmeckt“, also wirklich erlebt hat.)
Es ist eindeutig: Hier bezeugt die Bibel, dass die Abgefallenen sogar des Heiligen Geistes teilhaftig waren und als solche das Wort Gottes geschmeckt haben und dazu die Kräfte der zukünftigen Weltzeit. Solche sind dann doch abgefallen – und abfallen kann allein jemand, der faktisch dabei war. Jemand der nicht in Christus lebt, kann unmöglich abfallen - da spricht allein der Begriff „Abfall“ für sich selbst.
Zum Vergleich: Kann ein Apfel vom Apfelbaum fallen, wenn er nicht am Apfelbaum war? Das ist ausgeschlossen!
Wenn es hier so deutlich steht, dass sie sogar des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind, dann bedeutet dies die geistliche Wiedergeburt (Johannes 3). Entweder habe ich also den Heiligen Geist empfangen oder nicht. Entweder bin ich geboren aus Wasser und Geist - oder nicht. Dazwischen gibt es nichts.
Es ist unmöglich, solche endgültig Abgefallenen zur Buße zu erneuern, da sie den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.
1. Korinther 10,12: „Wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle!“. Und ähnlich: „Bleibet treu, lasst uns festhalten und aufeinander Acht haben, lasst uns nicht wanken“ – all jene häufigen Aufrufe in der Bibel wären überflüssig, wenn die Möglichkeit, dass ein Christ vom Glauben abfallen kann, ausgeschlossen wäre.
In Offenbarung 3,5 lesen wir: Wer überwindet, der wird mit weißen Kleidern bekleidet werden; und Ich will seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des Lebens, und Ich werde seinen Namen bekennen vor Meinem Vater und vor Seinen Engeln.“
In dieser Schriftstelle ist die Rede vom Buch des Lebens und dass es die Möglichkeit gibt, dass ein Mensch wieder dort heraus gelöscht werden kann, was ebenfalls der Unverlierbarkeit des Heils widerspricht.
Das wird bestätigt durch 2. Mose 32,31-33. Diese Schriftstelle befindet sich freilich im alten Bund. Aber auch hier gibt es interessanterweise ein Buch des HERRN. Es ist ja der gleiche Gott, der im alten und im neuen Bund handelt. In 2. Mose 32 geht es um das goldene Kalb und den Götzendienst:
„Als nun Mose wieder zum HERRN kam, sprach er: Ach, das Volk hat eine große Sünde getan, und sie haben sich goldene Götter gemacht. Nun vergib ihnen ihre Sünde, wo nicht, so tilge mich aus Deinem Buch, das Du geschrieben hast.“
Dies ist ein seltsames Gebet des Mose. Der Mann Gottes bittet darum, dass Gott doch ihn herausnehmen und das Volk verschonen möge. Und dann antwortet der HERR dem Mose: „Ich will den aus Meinem Buch tilgen, der an Mir sündigt.“
Manche konstruieren nun verschiedene Bücher daraus. Aber ich denke, dass das Buch, in welchem Mose drinsteht, schon das Buch des Lebens ist, das auch im Neuen Testament wieder begegnet. Wir dürfen nämlich keine übertriebene Einteilung der Zeitalter vornehmen, wie es in manchen Kreisen (durch sogenannte Ultra-Dispensationalisten) geschieht. Es gibt den alten Bund und den neuen Bund, Verheißung und Erfüllung, aber extreme Schriftteilung zielt über das biblische Wort hinaus. Die Heilige Schrift ist eine Einheit – zwar mit heilsgeschichtlichem Fortschreiten, aber es handelt derselbe Gott.
Um nicht missverstanden werden: Ein echtes Kind Gottes wird nicht das Bedürfnis haben, sich von Gott loszusagen, nachdem es Gottes Größe und Güte erfahren hat. Es wird seinen echten Glauben durch eine ernste Nachfolge Jesu und das Hervorbringen der Frucht des Geistes erweisen. Es wird aber zugleich auch um die Anfechtungen und Gefahren wissen, die einem Gotteskind noch drohen können, und dementsprechend wachsam und nüchtern bleiben. Es wird die Nachfolge nicht auf die leichte Schulter nehmen, sondern den HERRN täglich um Buße, Reinigung und Kraft bitten.
Ein weiteres Missverständnis mit weitreichender seelsorgerlicher Dimension: Abgefallen vom rettenden Glauben ist ein Christ nicht dann schon, wenn er eine gewöhnliche Sünde begangen hat. Dies geschieht leider immer wieder. Darüber kann er Buße tun und zu Jesus umkehren. Abgefallen im Sinne von Hebräer 6 und 10 ist er erst dann, wenn er das stellvertretende Sühneopfer Jesu Christi für sich völlig und dauerhaft verwirft. Dann kreuzigt er Jesus Christus erneut und kann nicht zur Umkehr erneuert werden. Vor einem solchen Abfall möge Gott bewahren!

Zum Abschluss folgen Antworten auf einige Einwände…

“Glaube und Wiedergeburt sind nicht dasselbe. Gläubige können abfallen, Wiedergeborene nicht.“
Antwort: Hier muss man zwischen einem bloßen Kopfglauben, den auch die Dämonen haben („Die Dämonen glauben auch und zittern“; Jakobus 2,19), und dem echten, rettenden Glauben unterscheiden. Der echte, rettende Herzensglaube ist identisch mit der geistlichen Neugeburt oder Wiedergeburt unter Empfang des Heiligen Geistes:
Epheser 1,13-14: „In ihm seid auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Errettung, gehört habt — in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der das Unterpfand unseres Erbes ist, bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit.“
Die obengenannten Bibelstellen haben gezeigt, dass es sich um echte, wiedergeborene Christen handelt, die wachsam bleiben müssen, damit sie nicht abfallen.

„Ein Kind bleibt immer ein Kind – wie im irdischen, so im geistlichen. Das sieht man etwa im Gleichnis vom verlorenen Sohn.“
Antwort: Gerade das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) zeigt, dass der Sohn zwar im irdischen Leben weiterhin der Sohn des Vaters geblieben wäre, aber im geistlichen Sinne trotzdem verloren gegangen wäre, wenn er nicht von seinem verderblichen Weg umgekehrt wäre. Er war zwar biologisch immer das Kind, aber nicht geistlich. Erst nach seiner Umkehr wurde er geistlich zum Kind Gottes. Wäre er nicht zum Vater umgekehrt, dann wäre er trotz seiner Sohnschaft verloren gewesen.

„Beim Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1-13) sind nur die fünf Klugen gerettet gewesen, die fünf Törichten nicht.“
Antwort: Das kann so nicht stimmen, denn es heißt von allen, dass sie „Jungfrauen“ waren und „Lampen“ bei sich hatten. Dass die Lampen der Törichten „erlöschen“ (Vers 8), beweist, dass sie zuerst Öl gehabt haben, das irgendwann ausgegangen ist. Öl ist ein Symbol für den Heiligen Geist (1. Samuel 16,13; Sacharja 4,14; Jakobus 5,14 u.v.a.). Bei den Törichten war der Ölvorrat ausgegangen, so dass sie die Klugen um Öl anbetteln mussten. Das heißt: Sie fünf Törichten waren im Laufe ihres Glaubenslebens erkaltet und schließlich abgefallen.

„Beim Gleichnis vom Sämann und vierfachen Ackerfeld (Matthäus 13) sind die ersten drei Böden Bilder für Namenschristen, die abfallen können. Der vierte Acker dagegen, der gute Frucht bringt, steht für echte Gläubige, die nicht mehr abfallen.“
Antwort: In diesem Gleichnis steht nichts über die Frage, ob ein echter Christ wieder verloren gehen kann oder nicht, sondern nur, dass er Frucht bringen wird. Die ersten drei Böden stehen für ein verschlossenes Herz oder für oberflächliche Bekehrungen, der vierte Boden für eine tiefgründige Bekehrung. Aber auch tiefgründig Bekehrte können schwach werden und abfallen, wenn sie die Ermutigungen und Ermahnungen Gottes nicht ernst nehmen.

Mit diesen Argumenten möchte ich zum Ende meiner Ausführungen kommen. Verschiedene christliche Autoren haben in ihren Vorträgen und Büchern diese nicht einfachen Fragen ebenfalls beleuchtet, leider bekanntlich mit unterschiedlichen Ergebnissen. Autoren, die es von der Bibel her ähnlich wie ich sehen, sind zum Beispiel die Neutestamentler Prof. Erich Mauerhofer und Prof. Herbert Jantzen, die Bibellehrer Karl-Hermann Kauffmann und Thomas Jettel sowie der Jurist Thomas Zimmermanns. Darauf weise ich gerne hin.

3. Ergebnis
Gott hat ein vollkommenes Heil in seinem Sohn Jesus Christus für uns erwirkt. Er möchte, dass alle Menschen gerettet werden und das Heil in Christus dauerhaft bewahren.
Zugleich stellt Gott jeden Menschen vor die Entscheidung, das Heil in Jesus Christus anzunehmen oder abzulehnen. Er zwingt niemand zur Bekehrung, sondern lädt dazu ein. Der Glaube ist eine freie Entscheidung des Menschen als Antwort auf das gnädige „Ziehen“ Gottes.
Gott erinnert immer wieder an seine Liebe und ermahnt den Menschen, das Heil festzuhalten und vom rettenden Glauben nicht abzufallen.
So gelten für uns die Verheißungen und Ermahnungen zugleich:
1. Petrus 5,6-11: „Demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit! Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann; dem widersteht, fest im Glauben, in dem Wissen, dass sich die gleichen Leiden erfüllen an eurer Bruderschaft, die in der Welt ist. Der Gott aller Gnade aber, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, er selbst möge euch, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, völlig zubereiten, festigen, stärken, gründen! Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“
Dr. theol. Lothar Gassmann, 2024, www.L-Gassmann.de