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Evangelikale und Politik – wie passt das zusammen?
Fragen einer Studentin der Politikwissenschaft an Dr. Lothar Gassmann

Herr Dr. Gassmann, was halten Sie von dem Begriff „evangelikal“? Würden Sie sich selbst als evangelikal bezeichnen?
„Evangelikal“ heißt: dem Evangelium entsprechend. Insofern bin ich evangelikal. Ich möchte gemäß dem biblischen Evangelium leben und lehren, also – wie man auch sagt – „bibeltreu“ sein. Dazu gehören insbesondere die geistliche Bekehrung zu Jesus Christus und die Neugeburt durch den Heiligen Geist. Dazu gehören Mission, Evangelisation und Taten der Nächstenliebe durch Sorge für die Armen, Schwachen, Kranken und Notleidenden (Diakonie). Die Allerschwächsten sind Kinder und alte Menschen, auch die ungeborenen Kinder, für die ich mich seit Jahrzehnten aktiv einsetze.
Die evangelikale Bewegung umfasst heutzutage allerdings ein großes Spektrum, sowohl was theologische Lehre als auch was Politik angeht, also von „links“ bis „rechts“.

Haben Sie das Gefühl, dass die evangelikale Bewegung in Deutschland medial angemessen repräsentiert wird?
Nein, sie wird in den öffentlichen Medien meist verzerrt dargestellt. Schwarze Schafe, z.B. sektiererische Gruppen, politische Extremisten und Heilungsprediger mit ihren seltsamen Praktiken, werden herausgesucht und an den Pranger gestellt, um die gesamte Bewegung schlechtzumachen. Dabei haben die betreffenden Journalisten oft selbst nur Bruchstücke oder gar nichts in der Bibel gelesen und werden dem christlichen Glauben und seinen biblischen Vertretern nicht gerecht. Dagegen wäre eine faire, objektive und differenzierende Berichterstattung dringend zu wünschen.

Wie hat sich die evangelikale Bewegung in Deutschland Ihrer Einschätzung nach in den letzten Jahrzehnten entwickelt?
Sie ist vielfältiger geworden. Das Spektrum reicht von streng konservativen Gemeinden bis hin zu solchen, deren Gottesdienst von einer Disco-Veranstaltung kaum noch zu unterscheiden ist. Ich selber verorte mich im theologisch konservativen Lager, da ich immer wieder sage und betone: „Wer die Welt in die Gemeinde holt, macht die Gemeinde zur Welt.“ Die Gemeinde, die Kirche, der Gottesdienst soll ein Ort sein, wo Gott in Ehrfurcht angebetet und die biblische Botschaft in Klarheit und Wahrheit verkündigt wird.

Herr Dr. Gassmann, Ihnen wurde in der Vergangenheit von einer Pforzheimer sogenannten „Baptistenkirche“ der Tod gewünscht. Wie schätzen Sie die Anfeindungen und Auseinandersetzungen innerhalb der evangelikalen Bewegung ein? Haben diese zu- oder abgenommen?
Diese extreme Gruppe, die mir wegen theologischer Lehrunterschiede den Tod wünscht und mich im Internet verleumdet, steht völlig isoliert da und wird auch von den echten Baptisten abgelehnt. Es ist eine radikale Sekte um einen amerikanischen „Prediger“, die alle verflucht, die nicht genauso denken wie sie. Diese Gruppe würde ich nicht zum evangelikalen Spektrum rechnen.
Dagegen gibt es unter den echten Evangelikalen natürlich auch Lehrdiskussionen, aber meist in Sachlichkeit und Liebe. So etwas wie von dieser radikalen Sekte habe ich in den fast 50 Jahren meines Glaubenslebens (ich habe mich im Jahr 1976 mit 18 Jahren zu Jesus bekehrt) noch nie erlebt. Die einzige Ausnahme ist das leider bis heute existierende Hausverbot in einem großem Missionswerk in Süddeutschland, weil ich dort im Jahr 2000 durch verteilte Briefe sachlich, aber liebevoll vor dem Eindringen der Bibelkritik warnte.

Was halten Sie von der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Bis in die 1990er Jahre zählte ich mich zur Evangelischen Allianz und war Mitglied in der Evangelischen Kirche, sogar als Vikar im kirchlichen Dienst. Dann aber um die Jahrtausendwende (bei der EKD begann es schon im Gefolge der 1968er-Studentenrevolte) kam es zu einem Dammbruch nach dem anderen sowohl bei der Allianz als auch in der EKD. Ich nenne nur die Stichworte „Bibelkritik“, „Feminismus“, „Homo-Ehe“, „Genderismus“ und immer weitergehende „Ökumenisierung“.
Natürlich ist die EKD in diesen Bereichen, die ich kritisch sehe, viel weiter vorgeprescht als die Evangelische Allianz, aber viele Freikirchen, die in der Allianz vereinigt sind, ziehen bei diesen Entwicklungen inzwischen Schritt für Schritt nach. Von daher ist alles schwammiger geworden.
Ich habe mich als Reaktion darauf sowohl von der EKD (Austritt 1998) als auch von der Evangelischen Allianz zurückgezogen. Die Gemeinden, die ich zusammen mit anderen Glaubensgeschwistern gründe, sollen unabhängig, allein der Bibel verpflichtet und „allianz- und ökumenefrei“ sein. Mit anderen bibeltreuen Gemeinden arbeiten wir freundschaftlich zusammen – aber nicht unter irgendeinem ökumenischen Dachverband, der unterwandert werden könnte.

Haben Sie den Eindruck, die evangelikale Bewegung bestünde aus politisierten bzw. politisch interessierten und aktiven Menschen?
So wie ich heutige Evangelikale kenne, gibt es alles: viele Nichtwähler, die – wie sie sagen – „mit der bösen Welt nichts zu tun haben wollen“. Daneben finden sich aber auch viele Wähler von Parteien von links bis rechts… Aber auch unter den Nichtwählern bringen sich viele in ihrer politischen Gemeinde in praktischen diakonischen Aktivitäten ein. Sie sind daher durchaus politisch tätig.

Wie würden Sie das Verhältnis evangelikaler Christen zum politischen System bzw. zum deutschen Staat einschätzen?
Gemäß dem Römerbrief, Kapitel 13 („Seid untertan der Obrigkeit“) sind Evangelikale grundsätzlich loyale Staatsbürger. Es gibt aber gemäß Apostelgeschichte 5,29 („Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“) Ausnahmen für den obrigkeitlichen Gehorsam, nämlich da, wo die Regierung etwas anordnet, was dem Gewissen eines Christen widerspricht – also etwas, das in klarem Widerspruch vor allem zu den Zehn Geboten und der Botschaft des Neuen Testaments steht. Solche Gesetze und Anordnungen haben vor allem seit den 1960er Jahren leider zugenommen.

Welche Politikfelder bzw. politischen Entwicklungen der letzten Jahre waren Ihrer Einschätzung nach für evangelikale Christen von besonders hoher Relevanz?
Nun, in Deutschland wurden in folgender Reihenfolge Dinge freigegeben bzw. per Gesetz erlaubt und liberalisiert, die nach evangelikaler Sicht der Lehre der Bibel widersprechen: Pornographie, Abtreibung ungeborener Kinder, Relativierung der Ehe zwischen Mann und Frau („Ehe für alle“), Genderismus, Tötung auf Verlangen, Drogenfreigabe.

Welche politischen Sachverhalte halten Sie für die größten Probleme unserer Zeit?
Eben die gerade genannten … Hinzu kommt eine verfehlte Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, die immer mehr Moslems in das Land lässt, darunter leider auch radikale. Ich habe nichts gegen Ausländer, warne aber vor einer zunehmenden Islamisierung. Das muss man klar unterscheiden. Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern zugleich ein politisches System mit Machtanspruch.

Wo würden Sie sich selbst politisch verorten?
Was Politik angeht, habe ich eine lange Geschichte.
Ich war in den 1970er Jahren einer der Wegbereiter der Grünen, da ich in jungen Jahren Flugblätter gegen Atomkraftwerke verfasst habe, die millionenfach nachgedruckt und verbreitet wurden. Bis heute bin ich echter Umwelt- und Lebensschützer. Aber gerade deshalb konnte ich mich den Grünen, die 1980 entstanden, nicht anschließen, da sie zwar Tiere, aber nicht das Leben der ungeborenen Kinder schützen wollen, sondern sie zur Abtreibung freigeben möchten (gemäß der radikalfeministischen Parole: „Mein Bauch gehört mir“). Das hat mich ernüchtert und ich schrieb 1985 ein damals bei Christen sehr bekanntes kritisches Buch über die Grünen, das vielen die Augen über ihre Ideologie geöffnet hat.
In den 80er Jahren kandidierte ich einmal für die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP – das sind für mich die echten Grünen) als Parteiloser für den Pforzheimer Stadtrat, wurde aber nicht gewählt.
Später geschah Folgendes: Die Partei Bibeltreuer Christen (PBC) wählte mich bei ihrem Bundesparteitag 2008, wo ich Gastredner war, überraschend als Parteilosen zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl 2009. Ich wurde dort von der Sympathiewelle der Delegierten quasi überrumpelt, zog aber dann nach reiflicher Überlegung und Gebet meine Kandidatur später zurück. Ich wollte theologisch und nicht in erster Linie politisch tätig sein.
Die PBC ging inzwischen in das heutige Bündnis C auf, dem ich sehr nahe stehe, das aber leider aufgrund zu weniger Wählerstimmen und der Fünf-Prozent-Klausel kaum eine Chance hat, in größerem Rahmen politisch etwas zu bewirken. Würde ich in der Schweiz leben, würde ich die evangelikale Partei Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) wählen, die dort aufgrund fehlender Sperrklausel zurzeit sogar zwei Nationalräte stellt.

In der Vergangenheit haben Sie Christen auch zur Wahl der Alternative für Deutschland (AfD) als „geringstes Übel in der Parteienlandschaft“ aufgerufen. Woraus speist sich diese Einordnung? Halten Sie die AfD für eine Partei der christlichen Werte?
Das habe ich nur deshalb getan, weil die AfD eine große Partei ist, die politisch viel bewirken kann. Dabei stimme ich nicht allen Politikern und Inhalten der AfD zu und bin auch kein Mitglied dieser Partei. Sie ist keine explizit christliche Partei, aber in ihr sind doch etliche Christen aktiv, etwa im Arbeitskreis „Christen in der AfD“, dessen Vorsitzenden ich persönlich kenne.
Ich halte die AfD in der Tat inmitten des links-grünen Einheitsblocks heutzutage (Stichwort „Brandmauer“) für das kleinere Übel. Der Grund: Sie steht für den Schutz der klassischen Ehe und Familie ein (auch wenn da manche ihrer Vertreter – ich denke etwa an Frau Weidel - persönlich nicht konsequent sind). Sie möchte die Abtreibungen zumindest reduzieren und das Leben besser schützen. Sie warnt vor Gender und Islamisierung, Bargeldabschaffung und den Gefahren der Globalisierung.
Auch in der Corona-Zeit war sie eine kritische Stimme gegen überzogene Maßnahmen und fordert die Aufarbeitung der (bewussten oder unbewussten) Fehlentscheidungen in der Politik. Das alles macht sie mir sympathisch.
Auch steht sie für das Existenzrecht Israels ein. Sie ist daher aus meiner Sicht als Partei nicht rechtsextrem (zu Rechtsextremen gehört zentral der Antisemitismus), auch wenn es einige extreme Leute bei ihr gibt (wie in allen Parteien). Aber die versucht man auszusortieren – zumindest momentan.
Freilich weiß man nicht, in welche Richtung Parteien - etwa auch die AfD - gehen werden - da muss man wachsam bleiben. Sobald rechtsextreme Ansichten sich verbreiten, würde ich davor warnen, denn ich bin ein Freund Israels und war achtmal als Reisegruppenleiter dort.

Spielt Single-Issue-Voting bzw. Sachthemenorientierung bei Wahlen für evangelikale Christen Ihrer Vermutung nach eine größere Rolle als Parteienbindung?
Ja. Das sehen Sie ja an meiner politischen Entwicklung, die sich immer sehr stark auf Sachthemen bezog, wie ich sie von der Bibel her beurteile. Dabei haben die Partei-Vorlieben durchaus gewechselt. Die Bibel ist das Bleibende, die Politik verändert sich.

Finden Sie es problematisch, dass zugunsten gewisser Sachthemen die rechtsextremen Tendenzen der AfD ausgeblendet werden?
Wie gesagt, ich sehe das differenziert. Wäre oder würde die AfD wirklich eine rechtsextreme Partei, könnte ich sie nicht wählen und empfehlen. Für mich sind dabei nicht Äußerungen einzelner ihrer Vertreter entscheidend, sondern ihr politisches Programm.

Besteht Ihrer Meinung nach in der Auseinandersetzung mit dem politischen System ein Einfluss aus den USA? Wenn ja, wie bewerten Sie diesen Einfluss?
Die USA ist sehr stark polarisiert zwischen Republikanern und Demokraten. Andere Parteien haben dort kaum eine Chance, was ich nicht für gut halte.
Falls Sie mit Ihrer Frage Donald Trump und seinen Einfluss auf Evangelikale meinen, dann muss ich zugeben, dass er mir politisch sympathischer ist als Joe Biden, auch wenn er persönlich viele Ecken und Kanten hat.
Er hat in seiner ersten Amtszeit die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegt und damit Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates anerkannt. Das würde ein Rechtsradikaler nie tun. Er hat aktiv die Pro-Life-Bewegung unterstützt und tritt für den Schutz der ungeborenen Kinder ein. Er und seine Partei unterstützen auch sonst viele Anliegen, die konservativen Evangelikalen auf dem Herzen liegen, weshalb er in USA seinerseits Unterstützung von Evangelikalen erfährt.
Die Erfahrungen aus den USA haben sicherlich einen Einfluss auf die Situation in Deutschland, Europa und weltweit, allein schon dadurch, dass der links-grüne Block bei uns versucht, so etwas wie Donald Trump und seine Republikaner bei uns durch massive Diffamierungskampagnen zu verhindern. Ob ihnen das gelingt, bleibt abzuwarten.
Egal was in der Politik geschieht – als Christen wissen wir: Unsere Heimat ist im Himmel. Das tröstet uns inmitten aller Konflikte und Kämpfe auf der Erde. Zugleich haben wir den Auftrag, für unsere Politiker zu beten und sie immer wieder auf den Willen Gottes hinzuweisen.

Herr Dr. Gassmann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Fragen stellte eine Studentin der Politikwissenschaft an einer deutschen Universität für ihre Masterarbeit. Sie ist dem Interviewten bekannt, möchte aber in der Öffentlichkeit anonym bleiben. Der Publikation der Fragen und Antworten hat sie zugestimmt.
Dr. Lothar Gassmann ist Theologe und Publizist. Er ist seit vielen Jahren in Gemeinden und im gesellschaftlichen Leben engagiert und hat gerne auf die Fragen der Studentin geantwortet. Homepage: www.L-Gassmann.de

Das Interview darf unverändert veröffentlicht und verbreitet werden.