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Liebe Freunde,
während meiner Abwesenheit in den USA erschien der folgende Artikel auf SPIEGEL ONLINE.
Die Reporterin war vor 3 Wochen extra von Hamburg nach Pforzheim gefahren, um mich zu interviewen und das Versammlungslokal der Sekte zu fotografieren.
Dafür, dass DER SPIEGEL als ziemlich linksgerichtet und nicht gerade christenfreundlich bekannt ist, finde ich den Artikel doch recht ausgewogen und objektiv.
Natürlich darf der Hinweis auf „rechts“ und „AfD“ in dem SPIEGEL-Artikel nicht fehlen, was aber nicht ernstzunehmen ist, da ich einfach nur christlich-konservativ eingestellt bin und nichts mit Extremisten jeder Art zu tun habe, was ich der Reporterin auch gesagt habe.
Aber wie gesagt: Ansonsten ist der Artikel durchaus lesenswert.
Betet bitte für mich und meine Familie – und auch für die verirrten Leute der Sekte, die ihre Hasspropaganda bisher leider immer weitertreiben.
Schalom, euer Lothar Gassmann
P.S.: Gerade teilt mir die Redakteurin mit, dass der folgende Artikel der meistgelesene bei SPIEGEL ONLINE über mehrere Tage war...

Foto oben: DER SPIEGEL
https://www.spiegel.de/panorama/pforzheim-wenn-christen-ihrem-naechsten-den-tod-wuenschen-a-89dbe7fe-acb3-406b-ad6d-e48fa64f0102?giftToken=aa0b677b-2fb7-4ad1-86ae-5facabf57257

Evangelikale Hardliner in Pforzheim
Wenn Christen ihrem Nächsten den Tod wünschen
Schmählieder, Hassreden, Tötungsaufrufe: In Pforzheim terrorisieren radikale Christen ihre Gegner, darunter einen christlichen Prediger. Der Verfassungsschutz ist alarmiert, doch »FWBC Seelengewinnen« macht weiter.
Aus Pforzheim berichtet Annette Langer



Mit zögerlichen Schritten läuft Lothar Gassmann die Treppe zum Sitz der »FWBC Seelengewinnen« in Pforzheim hinauf, sein Unbehagen ist ihm deutlich anzumerken. Seit er von Vertretern der evangelikalen Gruppierung verunglimpft und mit Todeswünschen überzogen wurde, lebt er in Angst: »Es ist doch möglich, dass fanatische Anhänger sich von solchen Hetzpredigten ermuntert fühlen und gewalttätig werden«, sagt er.
Vor der Tür angekommen sucht man vergebens nach Hinweisen auf die Gruppe, die einst »Baptistenkirche Zuverlässiges Wort« hieß. Kein Klingelschild, keine Gottesdienstankündigung – nur das Piktogramm eines aufgeschlagenen Buchs an der Scheibe. Auch dahinter ist nicht viel zu sehen: ein trister Raum mit wenigen Stuhlreihen vor einem Podest, auf dem Teppichboden liegen Verpackungsreste. Einzig ein Auszug aus der Apostelgeschichte prangt noch an einem Fenster zur Straßenseite: »Und sie hörten nicht auf, jeden Tag … das Evangelium von Jesus, dem Christus, zu verkündigen.«
Was die Missionare der »FWBC Seelengewinnen« verkünden, klingt allerdings allzu oft nicht nach Evangelium, sondern nach blankem Hass. Hass etwa auf Lothar Gassmann, den ein Prediger der Gruppierung einen »verwirrten Idioten«, einen Irrlehrer und Lügner nannte, »den bösartigsten Menschen«, der ihm in Deutschland je begegnet sei: »Ich hasse Lothar Gassmann«, sagte Moses Golla am 30. Juli 2023 in einer Predigt, die – an einigen Stellen stummgeschaltet – noch im Internet zu sehen ist. »Würden wir in einem gerechten Land leben, würde Lothar Gassmann hingerichtet werden, er würde getötet werden.«
Gassmann, 66, ist selbst Prediger, er gehört der freichristlichen »Bibelgemeinde Pforzheim« an. Geht es nach Golla, verbreitet sie eine falsche Version des Evangeliums.
Im Februar 2024 stellte Gassmann Strafantrag gegen Golla wegen Beleidigung. Er habe lange mit sich gerungen, sagt er. Doch für ihn habe festgestanden: »Diese Extremisten sind eine Schande für die ganze Christenheit. Sie sind weder Baptisten noch Lutheraner oder Evangelikale, sondern eine Sekte, gegen die man sich wehren muss.«

Baptisten, Evangelikale und Co. – was unterscheidet sie?
Tatsächlich gehört »FWBC Seelengewinnen« nicht dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland an, in dem nach Angaben der Organisation mehr als 70.000 Baptisten organisiert sind. Die Gruppierung bezeichnet sich selbst als Missionsableger der fundamentalistischen »Faithful Word Baptist Church« in den USA, dafür steht die Abkürzung FWBC.

Schmähreden und Hass, auch gegen Homosexuelle
Gassmanns Anzeige bremste die »Seelengewinner« nicht aus – im Gegenteil. Noch immer kursieren zahlreiche Schmählieder und Hassreden auf assoziierten Onlineplattformen. Porträts religiöser Gegner werden mit Teufelshörnern verunstaltet. Katholiken, Protestanten, aber auch andere Evangelikale werden als falsche Propheten, Lügner oder vom Satan Besessene dargestellt. Sobald ein Video gelöscht werden muss, taucht ein anderes mit ähnlichem Inhalt auf.
»Wir werden ihn weiter beleidigen. Wir werden Stoßgebete gegen ihn sprechen. Wir werden ihn weiter hassen.«
Auszug aus einer Predigt des Predigers Moses Golla aus dem Jahr 2023
Anfang Juli posteten evangelikale Hardliner ein weiteres Schmähvideo, in dem es heißt, Gott hasse Lothar Gassmann und möge ihn töten. Gassmann informierte die Polizei, das Video wurde gelöscht.
Doch schon in seiner Predigt 2023 hatte Golla Renitenz zum Programm erhoben: »Wir werden ihn weiter beleidigen«, sagte er über den Bibelprediger. »Wir werden Stoßgebete gegen ihn sprechen. Wir werden ihn weiter hassen.« Der SPIEGEL hat Golla um eine Stellungnahme zu Gassmanns Anzeige und den Beleidigungsvorwürfen gebeten, er reagierte nicht.
Längst ist der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg auf die radikale Gruppierung aufmerksam geworden. Seit Mai 2023 beobachtet die Behörde die damals noch unter »Baptistenkirche Zuverlässiges Wort« firmierende Gruppe: Sie stehe unter Verdacht, den Staat »verfassungsschutzrelevant« zu delegitimieren, außerdem werte sie Homosexuelle öffentlich massiv ab.
Im Januar 2024 durchsuchte die Polizei Räumlichkeiten der Gruppe sowie von deren Hauptverantwortlichen. Im Dezember verurteilte das Amtsgericht Pforzheim einen ihrer Prediger wegen Volksverhetzung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Berufungsverhandlung für den 30. September angesetzt.
Prominentestes Gesicht ist ein 28-Jähriger aus Görlitz
Das prominenteste Gesicht des »FWBC Seelengewinnen« ist Prediger Anselm Urban. Der 28-Jährige aus dem sächsischen Görlitz hatte schon 2022 gefordert, den damaligen grünen Queer-Beauftragten Sven Lehmann und alle Homosexuellen in Deutschland zu töten. Nach mehreren Anzeigen und nachdem die Polizei seine Wohnung durchsucht hatte, setzte er sich in die USA ab, wo seine Glaubensgeschwister der »Faithful Word Baptist Church« ihren Sitz haben.
In der Sache Lehmann wurde Urban vom Amtsgericht Görlitz in Abwesenheit wegen Volksverhetzung, Beleidigung und öffentlicher Aufforderung zu Straftaten zu einer Geldstrafe von 85 Tagessätzen à 12 Euro verurteilt – was er als Erfolg, als »Wunder« feierte. Er ist damit nicht vorbestraft.
Noch immer lebt Urban laut eigener Aussage nahe Phoenix im US-Bundesstaat Arizona. Mutmaßlich von dort ist er zum Videocall mit dem SPIEGEL zugeschaltet. Urban sitzt in einem schwarz gepolsterten Kombi, trägt raspelkurzes Haar und langen Vollbart.
Wie begründet er seinen abgrundtiefen Hass auf Homosexuelle? »Ich habe ein biblisches Weltbild«, sagt Urban und beruft sich auf das Dritte Buch Mose 20, 13, wonach ein Mann, der »bei einem Manne liegt wie bei einer Frau«, ein »Gräuel« begeht und sterben soll. Es ist die wohl am häufigsten zitierte Bibelstelle, wenn christliche Fundamentalisten versuchen, zu belegen, dass Homosexualität widernatürlich sei.
Urban sieht diesen Bibelvers auch als Verpflichtung für die Bundesregierung: »Eine gerechte Regierung würde sich bei der Gesetzgebung von der Bibel inspirieren lassen.« Träumt der Kampfprediger also von einem Gottesstaat? »Totaler Schwachsinn«, eine Unterstellung sei das, poltert Urban. »Ich glaube nicht an eine Theokratie, ich will niemandem einen Gottesstaat aufzwingen.«
Er sei kein Demokrat »im heutigen Sinne«, sagt er noch, er erkenne die weltliche Justiz aber an. Den Vorwurf, den Staat delegitimieren zu wollen, weist er zurück. »Wir fordern, dass der deutsche Staat in einigen Fällen viel härter durchgreift, als er es derzeit tut. Wir relegitimieren also den deutschen Staat.«
Verstöße gegen Grundrechte und Menschenwürde
Eine abenteuerliche Behauptung, die Beobachter der Szene so nicht stehen lassen wollen. »Von der ›FWBC Seelengewinnen‹ geht ganz klar eine Gefahr aus«, sagt eine Religionsbeauftragte des Kultusministeriums in Baden-Württemberg, die zu ihrem Schutz anonym bleiben möchte. Sie schätzt die Gruppe als extrem hierarchisch und antidemokratisch ein. Auch Verschwörungsnarrative im Bereich Antisemitismus und Israel würden dort verbreitet. »Und Verschwörungserzählungen sind immer anschlussfähig zur Staatsdelegitimierung.«
Urban hatte unlängst in einem Interview die Meinungsfreiheit in den USA gelobt und erklärt, dort könne man »rein theoretisch« ungestraft den Holocaust leugnen. Die Frage des SPIEGEL, ob er das gern täte, lässt er unbeantwortet. Er betont aber, kein Antisemit zu sein: »Ich bin gegen die jüdische Religion, so wie ich gegen den Islam oder den Hinduismus bin. Aber ich bin nicht gegen Menschen.«
Warum er dann einzelne Personen mit Hassbotschaften überziehe? Das, sagt Urban, habe mit seiner Loyalität zu Gott zu tun. »Ich werde jeden hassen, der Gott hasst. Und Homosexuelle zum Beispiel sind Gotteshasser.«
Aus säkularer Sicht klingt all das wenig logisch und keineswegs christlich. Aber in der Welt von Anselm Urban regiert das Gesetz Gottes in Form der Heiligen Schrift. Sein Gott ist ebenso liebend wie strafend – und hassbegabt. Der Prediger lebt die rettende Simplizität: Wer nicht für Gott ist, ist gegen ihn. Und gegen Anselm Urban.
»Diese Ideologie ist so hasserfüllt, dass sie grundsätzlich gegen die Grundrechte und die Menschenwürde verstößt«, sagt die Referentin im Kultusministerium. In dieser Radikalität sei das einzigartig im Milieu der evangelikalen Fundamentalisten in Baden-Württemberg.
Der Landesverfassungsschutz geht davon aus, dass die Gruppierung eine Anhängerschaft im niedrigen zweistelligen Bereich hat. Auch die Followerzahlen auf ihren Onlineplattformen sind mit einigen Hundert bis mehreren Tausend überschaubar. Die tatsächliche Reichweite der Pforzheimer Hassprediger dürfte also gering sein. Und doch ist sie nicht zu unterschätzen.
»Die Tötungswünsche und -flüche erinnern eher an die Reichsbürgerszene«, heißt es aus dem Kultusministerium. Auch dort gebe es immer wieder Morddrohungen gegen Staatsbedienstete, insbesondere gegen Jugendamtsmitarbeiterinnen oder Richter an Familiengerichten. »Solche Drohungen müssen sehr ernst genommen werden, denn wenn sie bei nur einer Person auf fruchtbaren Boden fallen, ist die Gefahr riesig, dass Menschen zu Schaden kommen«, sagt die Referentin.
Ein Kleinkrieg unter Glaubensbrüdern
Doch warum haben sich die »Seelengewinner« ausgerechnet auf den Prediger Lothar Gassmann der »Bibelgemeinde Pforzheim« eingeschossen? Eigentlich stammen beide Gruppierungen aus einem ähnlichen evangelikalen, politisch rechten Umfeld und sind sich in nur wenigen theologischen Streitfragen uneins.
Für beide ist die Bibel in ihrem Wortlaut geltender Maßstab im Leben. Beide haben sich der Mission verschrieben. Beide glauben an Satan, das Jüngste Gericht und lehnen die Säuglingstaufe ab.
Beide sind zudem zutiefst patriarchalisch: Frauen sollen sich sittsam verhalten und vorrangig um Kinder und Haushalt kümmern, bestenfalls weder Hosen noch kurze Haare tragen. Bei den »Seelengewinnern« sind sie angehalten, im Gottesdienst zu schweigen, in Gassmanns »Bibelgemeinde« hingegen ist Beteiligung erwünscht.
Auch für den Evangelikalen Gassmann ist gelebte Homosexualität Sünde. »Aber ich wünsche diesen Menschen nicht den Tod, ich bete für sie«, sagt er. Mit dieser paternalistischen Haltung zu gleichgeschlechtlich Liebenden liegt er auf Linie mit der katholischen Kirche, die eine homosexuelle Identität zwar anerkennt, aber verurteilt, wenn diese ausgelebt wird.
Sowohl Anselm Urban als auch Lothar Gassmann stehen oder standen der AfD nah. Urban erzählt, er habe mal Flyer für die Partei verteilt, sei aber nie Mitglied gewesen, habe sie nie gewählt und sich schon vor Jahren von ihr und jedem Nationalismus abgewandt.
Gassmann wiederum gab in einem Video eine Wahlempfehlung für die AfD ab. Auch er beteuert auf Nachfrage, nie Mitglied gewesen und im Übrigen auch »kein Politiker« zu sein. Allerdings trat er bei der Europawahl 2009 als parteiloser Spitzenkandidat für die Partei Bibeltreuer Christen an. Außerdem hat er ein Buch über den »Great Reset« geschrieben, der in verschwörungstheoretischen Kreisen als Weltherrschaftsprojekt einer wirtschaftlichen und politischen Elite gilt.
Wer kommt in den Himmel?
Interviews und Predigten verstärken den Eindruck, dass der Kampf der christlichen Fundamentalisten gegeneinander auch mit einer gewissen Konkurrenz auf dem Markt der Religionen zu tun hat. Man wirbt sich gegenseitig Mitglieder ab, pocht auf die eigene, allein seligmachende Theologie – und hat die Zahl der Follower gut im Blick.
Die »Seelengewinner« verfluchen Lothar Gassmann dafür, dass er an den freien Willen des Menschen glaubt und damit auch daran, dass ein Christ vom Glauben abfallen kann. Denn für Urban und seine Mitstreiter gilt: »Einmal von Gott gerettet, immer gerettet.« …
Im Kern aber geht es um mehr, nämlich die theologische Deutungshoheit. Denn nur eine Gruppe kann recht haben und in den Himmel kommen, so die Überzeugung der Fundamentalisten. Dass Hass zu verbreiten dabei hilfreich sein könnte, darf bezweifelt werden.